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European Marches against Unemployment - News and Archives


 

Absender   : 101337.2067@compuserve.com (Angela Klein)
Betreff    : 14-euromarsch.mac
Datum      : Mi 28.01.98, 04:24  (erhalten: 29.01.98)
Groesse    : 12664 Bytes
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2.Bundeskonferenz Euromarsch:
Ein neuer Anlauf
Die 2.Bundeskonferenz der Europäischen Märsche gegen Erwerbslosigkeit,
ungeschützte Beschäftigung und Ausgrenzung vom 24./25.Januar hat einen
umfangreichen Aktionsplan für 1998 und das erste Halbjahr 1999 beschlossen.

Amsterdam ist vorbei. Die Perspektive, die die Entstehung und Mobilisierung
der Euromärsche vom Sommer 1996 bis zum November 1997 getragen hat, hat sich
mit dem Abschluß des Vertragswerks von Amsterdam und Luxemburg erledigt. 
Der Aufruf von Florenz hatte an der Forderung angesetzt, die EU-Verträge
müßten eine Selbstverpflichtung für wirksame Maßnahmen zum Abbau der
Massenerwerbslosigkeit beinhalten. Diese Forderung wurde nicht erfüllt.
Herausgekommen ist nur eine Umdeutung des Worts "Beschäftigungspolitik":
Die herrschende Politik in der EU bezeichnet damit nicht mehr, im
hergebrachten Sinn, Beschäftigungsprogramme, die mit öffentlichen Ausgaben 
verbunden sind, sondern Zwang auf den Einzelnen, sich soweit zu verbiegen, 
daß er/sie jede Arbeit annimmt.
Für die Erwerbslosen und die von Erwerbslosigkeit und Ausgrenzung Bedrohten 
heißt das, daß sie einen neuen Anlauf nehmen müssen, um den Forderungen, 
die im Aufruf von Florenz aufgestellt wurden, Nachdruck zu verleihen. Dabei
müssen sie sich verstärkt mit der "Beschäftigungspolitik" der Regierenden 
und Kapitaleigner, d.h. mit der Politik der flexiblen Anpassung der 
Arbeitskraft an den Arbeitsmarkt auseinandersetzen.
Arbeitszeitverkürzung allein ist keine ausreichende Forderung mehr - soweit
sie heute mit den Unternehmern sozialpartnerschaftlich ausgehandelt werden
kann, paart sie sich mit Arbeitsverdichtung und unbezahlter Produktivität-
ssteigerung. Die Erfahrungen der letzten 10 bis 15 Jahren haben bewiesen, 
daß sie dann aber keine Arbeitsplätze schafft. Unter diesen Bedingungen ist 
sie als Instrument für die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit untauglich 
und wird unglaubwürdig. Der gewünschte Effekt tritt erst ein, wenn es klare 
Regulierungen hinsichtlich der Löhne, der Verteilung der Arbeitszeiten und 
der Mitsprache der abhängig Beschäftigten gibt (Höchstarbeitszeit, Lohn- 
und Personalausgleich) - d.h. wenn die Arbeitszeitverkürzung auf dem Weg 
der Umverteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit erfolgt.
Durch die Initiative der französischen und italienischen Regierung für eine 
gesetzliche Einführung der 35-Stunden-Woche ist neuer Spielraum aufgemacht 
worden, Arbeitszeitverkürzung wieder als zentralen Hebel für die Bekämpfung
der Erwerbslosigkeit in die Debatte zu bringen. Diese Situation wollen 
die Euromärsche nutzen und in der Gesellschaft, aber auch in den 
Gewerkschaften, die Debatte darum neu anschieben. Bestärkt fühlen wir uns
durch die Aktionen der französischen Erwerbslosen und Gewerkschaften in 
Frankreich, die breite internationale Aufmerksamkeit erregt und die eigene 
Regierung zum Adressaten haben.
  
Der Euro
Das ist der politische Hintergrund, vor dem die 2.Bundeskonferenz der
Euromärsche in der Bundesrepublik stattfand. Zwei Themenkomplexe wurden 
am ersten Tag diskutiert: die Europäische Währungsunion und die 
Beschäftigungspolitik.
* Gegenüber der Kontroverse, die noch die Mannheimer Konferenz im April 
1997 gekennzeichnet hatte, ob die Märsche sich auf ein Nein zum Euro 
festlegen und dies zu einer ihrer Kernforderungen machen sollten, hat sich
diesmal eine deutliche Mehrheit dafür ausgesprochen, nicht den Euro zur 
Zielscheibe unserer Aktivitäten zu machen, sondern die neoliberale Politik,
von der der Euro nur ein Ausdruck ist. Ein großer Teil lehnt den Euro
- mindestens in der jetzigen Form - weiterhin ab. Im Mittelpunkt unseres 
Handelns bleiben aber die sozialen Themen: Arbeitszeitverkürzung durch 
gesellschaftliche Umverteilung von Arbeit, und ein menschenwürdiges 
Grundeinkommen für alle. Die Einführung oder Nicht-Einführung des Euro, 
so wichtig sie für das Großkapital auch ist, führt uns von sich aus nicht 
an das Grundübel der Massenerwerbslosigkeit heran, das besteht auch dann 
weiter, wenn der Euro verhindert werden sollte.

Konferenz gegen Erwerbslosigkeit
Bei der Diskussion über einen neuen Anlauf für Arbeitszeitverkürzung hat 
sich gezeigt, daß die Situation kompliziert ist, weil die Beschäftigten 
in den letzten Jahren sehr unterschiedliche Erfahrungen mit der 
Arbeitszeitverküzung gemacht haben: Während eine Mitgliederumfrage der 
IG Medien ergeben hat, daß drei Viertel für eine weitere Verkürzung der 
Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich sind, und auch aus 
dem einen und anderen Metallbetrieb ähnliches berichtet wurde, hat eine 
ähnliche Umfrage der ÖTV ergeben, daß im öffentlichen Dienst (aber nicht 
nur dort) große Skepsis gegenüber dieser Forderung herrscht, weil weitere 
Arbeitsverdichtung und vor allem Lohneinbußen befürchtet werden - ganz 
zu schweigen vom Interesse bestimmter Schichten von männlichen Arbeitern, 
die Frage einer anderen Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit
nicht aufzugreifen. Wenn Arbeitszeitverkürzung also als Instrument zur 
Bekämpfung der Erwerbslosigkeit wieder in den Mittelpunkt der 
gesellschaftlichen Debatte rücken soll, muß sie - neben der 
Auseinandersetzung um die Flexibilisierung - verbunden sein mit einem 
gesellschaftspolitischen Diskurs, die Arbeit grunsätzlich anders zu 
verteilen, was auch die Frage nach ihrer Neubewertung und ihrer 
Sinnhaftigkeit aufwirft (nicht weniges von dem, was heute produziert wird, 
ist gesellschaftlich und ökologisch sinnlos und schädlich).
Es gab eine teilweise kontroverse Debatte darum, ob der nächste Schritt 
eine Kampagne für die 30-Stunden-Woche, oder für die europaweite Einführung 
einer gesetzlichen Höchstarbeitszeit von 35 Stunden sein sollte. Letztere 
Forderung ist für die Bundesrepublik etwas Neues, weil es hier keine 
Tradition der Arbeitszeitverkürzung auf gesetzlichem Weg gibt. Es gibt 
jedoch ein Gesetz, das die Höchstarbeitszeit regelt, noch aus der Nazizeit 
stammt (1938) und vor Jahren schon einmal Gegenstand der Diskussion war: 
Es legt die legale Höchstarbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche fest.
Die Konferenz verständigte sich darauf, beide Forderungen aufzunehmen.
Kollegen des Betriebsrats Eisenbahn & Häfen, Duisburg, haben vorgeschlagen,
in diesem Jahr (der Termin steht noch nicht fest) eine Konferenz von
Erwerbslosen und Gewerkschaftern gegen Massenerwerbslosigkeit 
durchzuführen. Die Initiatoren möchten jedoch vermeiden, daß die 
Konferenz dasselbe Schicksal ereilt wie viele davor zum selben Thema: daß 
man in der akademischen Betrachtung steckenbleibt, ohne einen Hebel für 
die Aktion zu finden. Sie wollen die Konferenz deshalb in den Rahmen 
der Debatte in Euromarsch um eine neue Kampagne für Arbeitszeitverkürzung 
stellen. Auf der 2.Brüsseler Konferenz der Euromärsche Ende April soll eine Arbeitsgruppe dazu vorgeschlagen und gestaltet werden. Im Zusammenhang mit
der Bundestagswahl sollen Wahlprüfsteine aufgestellt werden.
Die 2.Bundeskonferenz hat einstimmig beschlossen, die Initiative zu unter
stützen. Es soll der Versuch unternommen werden, gewerkschaftliche 
Gliederungen, Erwerbsloseninitiativen und Einzelpersonen, die einen neuen 
Anlauf in Sachen "Arbeitszeitverkürzung - aber anders" wagen wollen, für 
die Konferenz zu gewinnen. Die inhaltlichen Schwerpunkte wurden wie folgt 
festgelegt:
1. Öffentlich verantwortete Beschäftigung: Wie und unter welchen Bedingungen?
2. Arbeitszeitverkürzung als Schlüsselelement des gewerkschaftlichen Kampfs gegen Massenarbeitslosigkeit
3. Ungeschützt und ausgenützt - der Kampf gegen ungesicherte Beschäftigungsverhältnisse
4. Der Kampf um ein menschenwürdiges Grundeinkommen
5. Das Geld ist da, es muß nur anders verteilt werden.

Aktionsplan
Die Konferenz hat einen umfangreichen Aktionsplan bis Mitte 1999 
beschlossen. Ausgangspunkt der neuen Mobilisierungen sind die Aktionen 
der französischen Erwerbslosen und Gewerkschaften.
Zu deren Unterstützung durch eigenständige Mobilisierungen in der 
Bundesrepublik hat die Koordinierungsstelle der gewerkschaftlichen 
Erwerbsloseninitiativen die Initiative zu einem bundesweiten Aktionstag 
am 5.2. ergriffen. Sie ist auf diesen Tag jedoch nicht beschränkt. 
Öffentliche Aktionen (vorzugsweise vor den Arbeitsämtern) sollen bis 
zu den Bundestagswahlen jeden Monat an dem Tag gemacht werden, an dem 
die Bundesanstalt für Arbeit die neuen Arbeitslosenzahlen verkündet. 
Höhepunkt soll eine bundesweite Demonstration der Erwerbslosen sein.
Die Konferenz unterstützt den Vorschlag, allerdings mit der Modifikation, 
daß die Demonstration noch im ersten Halbjahr 1998 stattfindet, evtl. 
Mitte Mai. Euromarsch wird die Aktionstage aktiv mitgestalten. Die 
von der Koordinierungsstelle vorgeschlagenen Forderungen nach einer 
"aktiven Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik und existenzsichernden 
Löhnen, einer ausreichenden soziale Absicherung und deutlich kürzeren 
Arbeitszeiten" wollen wir jedoch präzisieren. Wir fordern:
* sofortige Anhebung aller Sozialleistungen um 200 DM monatlich
* ein gesetzlich garantiertes monatliches Mindesteinkommen von 1500 DM plus Warmmiete
und natürlich die Rücknahme der neuen Auszahlungsregelungen, die seit 
1.1.98 in Kraft sind (s.SoZ Nr. 1/98).
Im Zusammenhang mit den Aktionstagen wollen wir Veranstaltungen mit 
Erwerbslosen aus Frankreich durchführen. Tourneen sind vorgesehen im 
Süden, Rhein/Ruhr und im Nord/Osten.
Die Erfurter Erklärung plant für Mitte Juni eine Demonstration "für 
eine Wende in der Politik". Über Einzelheiten befindet ein Treffen der 
Initiative am 7.März in Bochum. Euromarsch will seine Unterstützung für 
diesen Vorschlag auf dem "Erfurter Ratschlag" kundtun und eigene 
Vorschläge einbringen.
Der DGB will bis April seine Vorschläge für dieses Jahr auf dem Tisch 
haben. Euromarsch möchte sich stark machen für eine Großdemonstration 
des DGB Anfang September, im Vorfeld der Bundestagswahlen, und wird 
ggf. geeignete Initiativen ergreifen.
Im Zusammenhang einer der Demonstrationen ist auch daran gedacht, eine 
Kundgebung in Frankfurt vor der Europäischen Zentralbank mit 
anschließendem Marsch nach Bonn durchzuführen.
Am 18.und 19.April wird in Brüssel die 2.europäische Konferenz der 
Euromärsche stattfinden. Dieser Konferenz unterbreiten wir zwei Vorschläge:
1. Diskussion über eine europaweite Kampagne für Arbeitszeitverkürzung
2. Beschlußfassung über eine europaweite Demonstration nach Köln/Bonn 
Mitte Juni 1999, wenn der EU-Gipfel dort tagt.
Die Bundeskonferenz hat festgestellt, daß drei Wochen später (also Anfang 
Juli), ebenfalls in Köln/Bonn, das G8-Treffen (Weltwirtschaftsgipfel) 
stattfindet. Dazu hat sich in Köln bereits eine Initiative gebildet, die 
zu dem Termin ebenfalls eine Demonstration durchführen will. Euromarsch 
unterstützt dies und legt Wert darauf, daß beide Initiativen in einem 
inhaltlichen Zusammenhang gesehen werden, weil beide sich gegen 
die neoliberale Politik richten. Wir halten es für sinnvoll, daß es 
hinsichtlich der politischen wie der organisatorischen Vorbereitungen 
eine Kooperation gibt, die den Gesamtzusammenhang verdeutlicht.

Zur Struktur
Auf der letzten europäischen Koordination in Luxemburg Anfang Oktober 
1997 haben die Europäischen Märsche beschlossen, ein Netzwerk zu bilden, 
und dafür auch eine Reihe von Grundsätzen verabschiedet. Die 
2.Bundeskonferenz Euromarsch BRD hat diesen Grundsätzen zugestimmt. Es 
gab eine kontroverse Debatte über die Frage, ob bei Entscheidungen das 
Konsensprinzip oder das Mehrheitsprinzip gelten sollte. Eindeutig ist 
die Frage nicht zu beantworten, die Wahrheit liegt auch hier irgendwo 
dazwischen und ist eigentlich eher im konkreten Einzelfall zu entwickeln. 
Die Luxemburger Punkte wurden deshalb um einen Satz erweitert, der lautet: 
"In der jetzigen Entwicklungsphase ist der Konsens das für uns akzeptable 
Verfahren."
Angela Klein

 

Die nächste Sitzung der Bundeskoordination findet am 28.Februar in 
Frankfurt/M statt. Auf der Tagesordnung stehen bisher u.a.:
* die Auswertung des Aktionstags vom 5.2.;
* die Fortsetzung der Debatte um Grundsicherung und Arbeitszeitverkürzung 
im Hinblick auf unsere Vorschläge für die Brüsseler Konferenz;
* Aktualisierungen hinsichtlich der Aktionen für 1998;
* Vorbereitung der Konferenz gegen Erwerbslosigkeit;
Vorbereitung der Demo 1999;
* Beschlußfassung über den Ort des neuen Büros sowie über einen Finanzplan 
für 1998.

Artikel für die Sozialistische Zeitung (SoZ) Nr.3/98

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"Marches europeennes contre le chomage, la precarite et les exclusions"

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Last Modified: February 4, 1998