Arbeitslosenselbsthilfe O l d e n b u r g

Kaiserstr. 19

D-26122 Oldenburg (Oldenburg)

e-mail: also@also-zentrum.de





ALSO-Homepage


European Marches against Unemployment - News and Archives


 

Empfaenger : /A/EUROPÄISCHER ARBEITSLOSENMARSCH
Absender   : SOZ@LINK-LEV.dinoco.de  (SoZ-Verlag)
Betreff    : 2.Aktionstag der Erwerbslosen
Datum      : Mi 18.03.98, 15:27  (erhalten: 21.03.98)
Groesse    : 9347 Bytes
----------------------------------------------------------------------
Weg mit den Schikanen!
Zweiter Aktionstag der Erwerbslosen
von ANGELA KLEIN
Am 5.Maerz gingen wieder 50.000--60.000 Menschen auf die Strasse. In den  
Grossstaedten wurden die hohen Zahlen (3000 und 5000) vom ersten Mal nicht  
mehr erreicht, dafuer ging der Protest in die Breite.
Die Koordinierungsstelle der gewerkschaftlichen Arbeitslosengruppen in  
Bielefeld hat diesmal 150 Staedte aufgelistet, in denen sich 38.000  
Menschen an den Protesten beteiligten. Unvollstaendig bis sehr  
unvollstaendig ist die Auflistung fuer die Bundeslaender Nordrhein- 
Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Wuerttemberg, Brandenburg, Niedersachsen  
und Sachsen-Anhalt. Angekuendigt waren Aktionen in 240 Staedten. Die  
Koordinierungsstelle kommt zum Schluss: "Nach vorsichtiger Schaetzung  
haben in 280 Staedten etwa 50.000--60.000 Menschen protestiert."
In Ostdeutschland hat die Zahl der Protestierenden nochmal zugenommen; der  
Hoehepunkt lag mit fast 9000 Beteiligten wieder in Thueringen, gefolgt von  
Sachsen und Nordrhein-Westfalen, wo man eine etwa gleichbleibende  
Beteiligung um die 5000--6000 annehmen kann. Ebenfalls zugenommen haben  
die Proteste in Brandenburg und in Mecklenburg-Vorpommern. Eine halbierte  
Beteiligung ist hingegen aus Hamburg und Berlin zu melden (1500 bzw.  
2000).
Aktionen fanden diesmal auch in einer Vielzahl kleinerer Staedte statt.  
Vielerorts entstehen neue Initiativen, bestehende Gruppen bekommen  
frischen Zulauf. An den meisten Orten werden die Proteste von breiten  
Buendnissen getragen, die fast immer Arbeitsloseninitiativen und  
Gewerkschaften zusammenfuehren. So dienen die Aktionstage zunaechst einmal  
dazu, in Deutschland wieder eine politisch aktive Erwerbslosenbewegung  
aufzubauen. Es wird notwendig sein (vielleicht nach Abschluss der  
Aktionstage), die veraenderten und neu entstehenden Gruppen und  
Initiativen bundesweit an einen Tisch zu holen, um sich gemeinsam ueber  
mittelfristige Perspektiven zu verstaendigen. Die Frage ist nur, wer die  
Initiative dazu ergreift.
-- Ein Merkmal der Proteste am 5.Maerz war die starke Bedeutung der  
Forderung nach Ruecknahme der Schikanen und der Massnahmen im  
Sozialgesetzbuch III, die zum 1.1.98 in Kraft getreten sind. "Weg mit  
Meldepflicht und Bewerbungszwang" war diesmal auf vielen Kundgebungen die  
Hauptparole. Die Bewegung nimmt ihren Ausgangspunkt da, wo die  
Erwerbslosen unmittelbar der Schuh drueckt. Die Arbeitsaemter bleiben  
deshalb der Ort, vor dem die meisten Proteste stattfinden -- weil es die  
Instanz ist, von der sie abhaengen, aber auch der Ort, an dem sie die  
Willkuer der Sachbearbeiter erfahren, die in der Umsetzung des SGB III  
durchaus Entscheidungsspielraum haben. Die Auseinandersetzung mit den  
Arbeitsamtsleitern kann jetzt kollektiv gefuehrt werden; die Erwerbslosen  
muessen sich nicht mehr allein in den Beratungsgespraechen gegen  
Zumutungen zur Wehr setzen.
Natuerlich verschanzen sich die Beschaeftigten der Arbeitsaemter gern  
hinter der Behauptung, sie fuehrten nur aus, wozu sie das Gesetz anhalte.  
Mensch kennt diese Haltung, und mensch weiss auch, dass das ein Maerchen  
ist. Jede Verwaltung hat Entscheidungsspielraum; Ziel der  
Erwerbslosenbewegung muss sein, die Beschaeftigten soweit zur praktischen  
Solidaritaet zu bewegen, dass hier sprichwoertlich Sand ins Getriebe  
kommt. Mit der OeTV gibt es deswegen nicht selten Konflikte, weil diese  
dazu tendiert, sich hauptsaechlich als Sachwalterin der Interessen der  
Beschaeftigten in den Arbeitsaemtern zu sehen, und sie als Adressaten der  
Forderungen aus den Protesten der Erwerbslosen heraushalten moechte.
Zur Darstellung der eigenen Betroffenheit kam diesmal verstaerkt die  
oeffentliche Blossstellung der Verursacher der Erwerbslosigkeit: Viele  
Proteste haben bei den Arbeitsaemtern begonnen und sind von dort aus zu  
den Wirkungsstaetten der wirtschaftlich und politisch Verantwortlichen  
gezogen: Industrie- und Handelskammern, Boersen, Niederlassungen der  
Deutschen Bank, Arbeitgeberverbaende, CDU-Bueros. Umgekehrt haben vermehrt  
Vertreter von Belegschaften auf den Kundgebungen gesprochen, die von  
Entlassungen oder gar Werksschliessungen bedroht sind: Kollegen von ABB  
sprachen in Berlin (beim ersten Aktionstag haben sie in Mannheim die  
Proteste angefuehrt), die Belegschaft von Kodak organisierte den  
Aktionstag in Geislingen, in Gelsenkirchen traten Betriebsraete von  
Seppelfricke auf, in Dortmund die von Hoesch. Die Aufzaehlung ist nicht  
erschoepfend.
Ueber die Art und den Adressaten der Aktionen gibt es viel Diskussion. Die  
verschiedenen Akteure in den Buendnissen verbinden unterschiedliche  
Interessen damit. Wenn man weiter an einem Strang ziehen will, muss jedoch  
klar sein: Es muessen vor allem Aktionen entfaltet werden, die helfen,  
Informationen ueber die Lage der Erwerbslosen und ihre Forderungen in die  
Gesellschaft zu tragen und die Mauer der Ausgrenzung aufzuheben. Der  
Ausgangspunkt der Bewegung, "Erwerbslose haben eine Stimme -- ihre  
eigene", muss viel staerker entfaltet werden und vor allem andere  
Erwerbslose zum Mitmachen anregen. Bei aller notwendigen politischen  
Zuspitzung des Protests (auf die Wahlen, auf die Verantwortlichen, auf  
einen allgemeinen politischen Diskurs) bleibt die unabdingbare  
Voraussetzung des Erfolgs die, dass es ein Protest der Erwerbslosen ist --  
und nicht einer von Gewerkschaften, Parteien oder anderen Gruppen im Namen  
der oder fuer die Erwerbslosen.
Es wird einen Kampf kosten, dieses Verstaendnis in den Aktionen zu  
verankern. Allzuviele stehen wieder bereit, auf dem Ruecken der Bewegung  
ihr eigenes Sueppchen zu kochen. Genannt sei hier nur die angestrebte  
Wiederauflage des unseligen "Buendnis fuer Arbeit". Fuer die  
Unabhaengigkeit der Erwerbslosenbewegung muss gestritten, sie muss aber  
auch organisiert werden.
-- Heisst das, dass die Erwerbslosen nicht mit anderen zusammen agieren  
wollen? Das heisst es ueberhaupt nicht. An den meisten Orten werden die  
Aktionstage von breiten Buendnissen vorbereitet; sie tragen der Einsicht  
Rechnung, dass nur eine breite gesellschaftliche Bewegung die  
Massenarbeitslosigkeit ueberwinden kann. Es haette vor den Wahlen auch die  
Moeglichkeit bestanden, einen politischen Ausdruck fuer eine solche  
Bewegung zu schaffen -- die Moeglichkeit wurde vertan, weil die Erfurter  
Erklaerung es vorgezogen hat, im Juni eine eigene Demonstration  
durchzufuehren, statt als Katalysator fuer den gebuendelten  
gesellschaftlichen Protest gegen die Kohl-Regierung zu dienen. Auch auf  
dieser Seite muss noch hinzugelernt werden.
Unabhaengigkeit der Bewegung heisst nur, dass die Erwerblosen aus ihrem  
Zustand als Bittsteller und Almosenempfangende heraustreten und von "einem  
Problem" zu einem politisch handelnden Subjekt werden, mit dem sich andere  
Subjekte von gleich zu gleich auseinandersetzen muessen.
-- Schliesslich laesst sich auch die notwendige politische Zuspitzung  
konkretisieren. Die Tatsache, dass es jetzt Aussicht auf einen neuen  
Bundeskanzler gibt, ist da durchaus hilfreich. Interessanterweise war die  
Parole: "Kohl muss weg!", die auf dem ersten Aktionstag noch dominiert  
hatte, auf dem zweiten weit weniger zu hoeren. Statt dessen schoben sich  
Redebeitraege in den Vordergrund, die sich kritisch damit  
auseinandersetzten, was Erwerbslose von einer Regierung Schroeder zu  
erwarten haben. Das ist absehbar: Senkung der Erwerbslosigkeit durch  
Angebot von Billigarbeitsplaetzen (das ist der Inhalt des "Buendnis fuer  
Arbeit") und "work for welfare" -- d.h. Arbeit fuer Sozialhilfe, wie sie  
im Kombilohnmodell angelegt ist. Ein oeffentliches Beschaeftigungsprogramm  
sieht Schroeders Regierungsprogramm nicht vor. Eben dies ist aber eine  
Forderung der Erwerbslosen, und es ist finanzierbar, wie nicht zuletzt der  
Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt wieder vorgerechnet hat. Es macht  
also durchaus Sinn, im Vorfeld der Wahlen auch die Parteibueros der SPD  
aufzusuchen und mit den Verantwortlichen ueber diese Forderung zu  
diskutieren.
Betrachtet man die Erwerbslosenbewegung von ihren Inhalten und der  
konkreten politischen Konstellation her, so ergibt sich eine politische  
Eigendynamik, die ueber das feste Schema der Aktionstage hinausweist und  
erlaubt, die Bewegung tatsaechlich in eine politische Auseinandersetzung  
mit den Verantwortlichen zu fuehren. Auf diese Weise koennen sich die  
Erwerbslosen vor den Wahlen die Instrumente schaffen, mit denen sie nach  
den Wahlen gegenueber einer neuen Regierung agieren. Dann sind die  
Aktionstage mit der bundesweiten Demonstration in Berlin am 11.September  
nicht abgeschlossen.
Dieser Artikel erschien in SoZ Nr.6/98. Die "SoZ -- Sozialistische  
Zeitung" erscheint 14-taegig im SoZ-Verlag und wird herausgegeben von der  
Vereinigung fuer Sozialistische Politik (VSP).
Kontakt: SoZ, Dasselstr. 75--77, 50674 Koeln.
Tel: (0221) 9231196; Fax: (0221) 9231197.
E-Mail: soz@link-lev.dinoco.de
Ein Schnupperabo (5 Ausgaben) kostet 10 DM. Probeausgaben sind kostenlos.

Contact:
"Marches europeennes contre le chomage, la precarite et les exclusions"

104, rue des Couronnes
F-75020 Paris France
Tel : +33 1 44 62 63 44
Fax : +33 1 44 62 63 45
E-mail : marches97@ras.eu.org
URL: http://www.mygale.org/02/ras/marches/


Contact: "AC!", France, Voice/Fax: +33-1-43495037, e-mail: aguiton@sud.unions.eu.org.


Index of Euromarch Archives


ALSO-Homepage


Last Modified: April 15, 1998