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European Marches against Unemployment - News and Archives
Absender : SOZ@LINK-LEV.dinoco.de (SoZ-Verlag) Betreff : Kodak-ler vor dem Arbeitsamt Datum : Mi 18.03.98, 15:28 (erhalten: 21.03.98) Groesse : 8906 Bytes ----------------------------------------------------------------------
KODAKler vor dem Arbeitsamt Gegen die Vernichtung von Arbeitsplaetzen
von MANUEL KELLNER
Im Rahmen der Aktionen der Erwerbslosen zogen am 5.Maerz auch ganze Belegschaften, die von Arbeitsplatzvernichtung betroffen und von Erwerbslosigkeit bedroht sind, vor die Arbeitsaemter. So die Kolleginnen und Kollegen von Seppelfricke in Gelsenkirchen. So auch die Kolleginnen und Kollegen von Kodak im wuerttembergischen Geislingen. Letzteres war zugleich eine internationale Mobilisierung.
Hunderte von Kodak-KollegInnen meldeten sich gemeinsam beim Arbeitsamt Geislingen als "arbeitssuchend". Zugleich protestierten sie gegen die Ungerechtigkeit, mit der erwerbslose Menschen behandelt werden, und gegen die neuen gesetzlichen Verschlechterungen. Im Mobilisierungsflugblatt der IG-Metall-Verwaltungsstelle hiess es: "Diese Bundesregierung bekaempft durch staendige Leistungskuerzungen bei Erwerbslosen nicht die Arbeitslosigkeit, sondern die Erwerbslosen." Unter Hinweis auf die "Arbeitslosenaktionen in Frankreich" hiess es weiter: "Je mehr Menschen an dieser Aktion teilnehmen, desto groesser ist die Chance, dass Arbeitslose und ihre Proteste in der Oeffentlichkeit wahrgenommen werden."
IG Metall und Kodak-Betriebsrat fordern vom Kodak-Vorstand die Schaffung einer Beschaeftigungs- und Qualifizierungs-Gesellschaft (BQS) fuer die von der Erwerbslosigkeit bedrohten KollegInnen. Ziel ist, dass niemand von ihnen "vor dem Jahr 2001 in die Arbeitslosigkeit gehen muss". Doch selbst fuer eine derart eingeschraenkte Zielsetzung gibt es bislang keine Aussicht auf Einigung mit dem Kodak-Vorstand. IG Metall und Beschaeftigte suchen deshalb nach Moeglichkeiten oeffentlichkeitswirksamer Aktionen, um den Druck zu verstaerken. Doch erscheint dies, wie so oft in vergleichbaren Faellen, als ohnmaechtiger Versuch, mit dem Ruecken zur Wand das Schlimmste zu verhindern.
Die Chronik des juengeren Schicksals der Kodak-Belegschaft ist bezeichnend fuer die Art und Weise, wie sich ein solches Desaster in sehr vielen Faellen Schritt um Schritt entwickelt.
1993 beschloss der Kodak-Vorstand die Zusammenlegung der Produktionsstandorte Stuttgart und Muelhausen. Dadurch wurden unmittelbar 450 Arbeitsplaetze vernichtet. Der Betriebsrat brachte seine Befuerchtung zum Ausdruck, dass es nicht dabei bleiben wuerde. Die Zusammenlegung erschien ihm als Schritt, der einen spaeteren Verkauf, eine Ausgliederung oder auch einfach eine Schliessung in absehbarer Zukunft erleichtern bzw. vorbereiten koennte. Die neue Belegschaftsstaerke von zunaechst ca. 850 Kolleginnen und Kollegen nahm in der Tat seither kontinuierlich ab.
Im Januar 1996 folgte der Beschluss des Kodak-Vorstands, sich von der Office Imaging (OI -- Kopiererfertigung) zu trennen. Ungefaehr acht Monate lang werden die Beschaeftigten darueber im Unklaren gelassen, welche Konsequenzen das fuer sie haben wird. Im September erst kommt heraus, dass OI-Marketing an Danka verkauft wird, die Produktion in Muelhausen aber unter dem Firmenschild Kodak weiterlaufen soll. Mit diesem Schritt begab sich Kodak in der Kopiererfertigung in Abhaengigkeit von einem einzigen Abnehmer: Danka. Das bedeutete faktisch den Status eines Zulieferunternehmens.
Zugleich sollte Kodak die Verantwortung fuer die Weiterentwicklung von zwei Kopierermodellen uebernehmen. In einer Betriebsversammlung machte der Betriebsrat deutlich, das sei keine gute Nachricht. Denn beide Modelle beruhten auf der alten, analogen, Technik, die Zukunft liege aber in der neuen, digitalen, Technik. Wieder erscheinen Entscheidungen des Kodak- Vorstands als Vorbereitung weiterer massiver Arbeitsplatzvernichtung.
Ab Oktober 1996 wurde den Beschaeftigten ein ausgedehntes Zeitsaldo aufgedraengt, das sich von plus 35 Stunden pro Woche bis minus 86 Stunden pro Woche erstreckt. Die Betroffenen sollten das hohe Minussaldo im darauffolgenden Jahr abarbeiten koennen, wenn Danka hoehere Stueckzahlen abnehmen wuerde. Anfang 1997 wird klar, dass Danka weit weniger abnimmt als zugesagt. Das Minussaldo wird auf 150 Wochenstunden ausgedehnt. Damit ist das sog. Unternehmerrisiko vollends auf die Beschaeftigten abgewaelzt, die mit herben Einkommensverlusten fuer die Unternehmensstrategie bezahlen.
Kodak ist Teil des internationalen Konzern Eastman Kodak, der weltweit 98.000 Menschen beschaeftigt und 1996 1,3 Milliarden Dollar Gewinn machte. Fuer 1997 ist von ca. 1 Milliarde Gewinn auszugehen. Die Aktienkurse sinken bislang trotz massiver Massnahmen der "Kostensenkung". Der Konzern plant den Rueckzug auf das Kerngeschaeft (Bilder) zu Lasten des Geraetegeschaefts und den Abbau von ca. 10.000 Arbeitsplaetzen. In der Kodak AG sind 2150 Kolleginnen und Kollegen beschaeftigt. 1996 wurden ueber 21 Mio. DM Gewinn ausgewiesen, aber ca. 67 Mio. in verschiedenen "Kassen" geparkt. Ende 1997 war formuliertes Ziel des Vorstands, von 748 im Werk Muelhausen uebrig gebliebenen Arbeitsplaetzen 348 abzubauen.
Dass die Beschaeftigten von der Firmenleitung einen Vesperteller als "Dank fuer ihren Einsatz" erhielten, betrachteten sie als Hohn und Spott; auf einer Betriebsversammlung reichten sie diese Praesente symbolisch dem Vorstand zurueck. Bei einer Protestversdammlung Mitte Dezember in Muelhausen klagte der Betriebsratsvorsitzende Roland Ringeltaube die Verantwortlichen von Kodak an. "Kurzfristiges Gewinnstreben als alleiniges Ziel" fuehre in die "gesellschaftliche Sackgasse". Er kuendigte unter Anspielung auf die internationale Konzernleitung Widerstand an: "Wir lassen uns nicht geschwind von Konzernchef George Fisher rasieren."
Der Vorsitzende der IG Metall vor Ort, Bernd Rattay, stellte fest, dass es bei den bisherigen Abbauplaenen nicht bleiben werde: "Auch der Rest der Belegschaft sitzt auf dem Schleudersitz." Das Kalkuel der Geschaeftsleitung sei, dass in Deutschland die Proteste der Betroffenen am geringsten ausfallen duerften. Diese Rechnung duerfe nicht aufgehen.
In den letzten beiden Jahren schrieb das Werk Muelhausen schwarze Zahlen. Kodak galt sogar als Vorzeigewerk. Die "Optimierung von Betriebsablaeufen" hatte dafuer gesorgt, dass aus den Beschaeftigten ein Maximum herausgeholt wurde. Dennoch soll die Kopiererfertigung ausgelagert werden -- nach Osteuropa, weil sich dort Beschaeftigte finden, die sich fuer noch weniger Lohn ausbeuten lassen muessen.
Der Kodak-Konzern hat Niederlassungen in zahlreichen Laendern, in denen ebenfalls Aktionen gegen den geplanten Arbeitsplatzabbau laufen, darunter Frankreich, Italien, Grossbritannien und Belgien. Die Aktionen werden zum Teil unter Beteiligung der IG Metall international koordiniert. In Frankreich gibt es Kodak-Betriebe in Paris und in Chalon-sur Saone. Franzoesische Kolleginnen und Kollegen kamen am 5.Maerz auch nach Geislingen, um sich der Aktion der deutschen Kolleginnen und Kollegen vor dem Arbeitsamt anzuschliessen. Am 17.Dezember 1997 hatten sie einen einstuendigen Proteststreik der am 1.April 1997 von der Geschaeftsleitung bewusst in drei Betriebe gespaltenen Belegschaft mit insgesamt noch 550 Beschaeftigten organisiert.
Offensichtlich sind die Ansaetze fuer eine grosse, auch internationale Mobilisierung da. Es besteht allerdings die Gefahr, dass die Kolleginnen und Kollegen nur Dampf ablassen sollen. Die Wut wird groesser, das Spiel der Gegenseite immer klarer durchschaut. Gleichzeitig werden die von der Arbeitsplatzvernichtung betroffenen Belegschaften immer schwaecher. Das Kraefteverhaeltnis erlaubt am Ende die Erzwingungsmassnahmen nicht mehr, die anfangs die Gegenseite noch zum Zurueckweichen haetten veranlassen koennen.
Es kommt also darauf an, Aktionsformen zu entwickeln, die nicht nur die Oeffentlichkeit alarmieren und den solidarischen Schulterschluss mit den bereits in die Erwerbslosigkeit Geschleuderten herstellen. Noetig ist eine auch international koordinierte Strategie, die den Konzern ueberall da trifft, wo er Gewinne einfaehrt. Demonstrationen und Kundgebungen sind gut, aber ohne -- mehr als symbolische -- Arbeitsniederlegungen, nach Moeglichkeit verbunden mit Betriebsbesetzungen, ist die Niederlage besiegelt.
Dieser Artikel erschien in SoZ Nr.6/98. Die "SoZ -- Sozialistische Zeitung" erscheint 14-taegig im SoZ-Verlag und wird herausgegeben von der Vereinigung fuer Sozialistische Politik (VSP). Kontakt: SoZ, Dasselstr. 75--77, 50674 Koeln. Tel: (0221) 9231196; Fax: (0221) 9231197. E-Mail: soz@link-lev.dinoco.de
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Last Modified: April 15, 1998