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Absender   : SOZ@LINK-LEV.dinoco.de  (SoZ-Verlag)
Betreff    : Nazis bei Erwerbslosenprotesten
Datum      : Mi 18.03.98, 15:28  (erhalten: 21.03.98)
Groesse    : 6453 Bytes
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Arbeit ist teilbar -- Solidaritaet unteilbar
Nazis bei Erwerbslosenprotesten
Interview mit ANGELO LUCIFERO (HBV)
In Thueringen verstecken sich Nazis hinter Erwerbsloseninitiativen, um  
ihre reaktionaere Propaganda "Arbeitsplaetze nur fuer Deutsche" zu  
verbreiten. Diese Gefahr kann ueberall lauern. Fuer die SoZ sprach Gerhard  
Klas mit ANGELO LUCIFERO, dem stellvertretenden Landesleiter der  
Gewerkschaft HBV in Erfurt.
?Mit sozialdemagogischen Forderungen versuchen Neonazis in Thueringen,  
Einfluss auf die Erwerbslosenbewegung zu nehmen. Welchen Erfolg haben sie  
bisher damit?
Bereits im Rahmen der bundesweiten Proteste von Erwerbslosen am 5.Februar  
ist es an mehreren Orten, in Altenburg, Gotha, Ilmenau und Erfurt, zu  
Aktionen rechtsextremer Organisationen und Einzelpersonen gekommen. In  
Ilmenau meldete der NPD-Kreisvorstand eine Kundgebung an. Wir sind  
gluecklicherweise sehr frueh auf diese Bestrebungen aufmerksam geworden,  
denn in der Kleinstadt kursierte ein Aufruf der Arbeitsloseninitiative,  
der mit sehr untypischem Vokabular operierte. Dort war die Rede davon,  
Krieg, Vertreibung und DDR ueberlebt zu haben. Nun werde man von dem  
"neuen System kaputtgemacht". Krieg und DDR haette auch von Linken stammen  
koennen, das Wort Vertreibung machte allerdings stutzig.
Nach einem Anruf bei der Initiative in Ilmenau stellte sich heraus, dass  
NPD-Funktionaere an den Treffen teilgenommen hatten. Die Initiative konnte  
gerade noch verhindern, dass zum Protesttag Anfang Februar Transparente  
mit der Aufschrift "Arbeitsplaetze zuerst fuer Deutsche" im Namen der  
Erwerbslosengruppe gezeigt wurden. Die Nazis waren jedoch schon eine halbe  
Stunde vorher vor Ort, zeigten die Reichskriegsflagge und verteilten  
Flugblaetter mit nationalistischem Inhalt.
Nachdem es Druck gegeben hatte, verschwanden die NPD-Funktionaere. Statt  
dessen tauchten zur Vorbereitung einer weiteren Protestaktion Mitte  
Februar drei Vertreter des oertlichen Franz-Schoenhuber-Kreises auf, die  
nach kurzen Wortgefechten allerdings die Runde verliessen. Das war bisher  
der weitestgehende Versuch von Nazis in Thueringen, in der  
Erwerbslosenbewegung Fuss zu fassen. Aber auch an anderen Orten haben  
rechte Organisationen massiv Flugblaetter verteilt und mit eindeutig  
rassistischen Inhalten zu einer Teilnahme aufgerufen.
Auch am zweiten Aktionstag im Maerz verteilten Neonazis wieder  
Flugblaetter, die sich einer sozialdemagogischen Sprache bedienten. Die  
Erwerbslosengruppen waren jedoch darauf vorbereitet und reagierten  
ablehnend und entwickelten ein Gegenkonzept: auf der Kundgebung in Ilmenau  
kamen Vertreter des Fluechtlingsrats zu Wort, um den Nazis von vorneherein  
den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auch in Erfurt schlossen sich viele  
Erwerbslose in ihrem Redebeitrag der Parole an, dass Arbeit sehr wohl  
teilbar sei, Solidaritaet aber nicht. Dadurch wurden die Neonazis an den  
Rand gedraengt und verliessen nach wenigen Minuten die Kundgebung.
Wegen dieses Teilerfolgs duerfen wir uns allerdings nicht zuruecklehnen.  
Die soziale Frage ist eines der Hauptinterventionsfelder rechter  
Organisationen. Deshalb muessen wir auch in Zukunft wachsam sein.
?Die Forderungen der rechten Organisationen entsprechen durchaus der  
Arbeits- und Sozialgesetzgebung in der BRD, die ebenfalls nach dem  
Kriterium der Staatsangehoerigkeit differenziert. Welche Auswirkungen hat  
das auf die Basis der Erwerbslosenbewegung?
Der Arbeitsmarkt in der BRD ist rassistisch aufgeteilt, und im sozialen  
Bereich sollen Fluechtlinge mit der Novelle zum  
Asylbewerberleistungsgesetz de facto ausgehungert werden. Da koennen Nazis  
nicht mehr viel draufsetzen. Sie reduzieren, ebenso wie die staatlichen  
Institutionen, die Auswirkungen der Erwerbslosigkeit auf deutsche  
Staatsbuerger.
Die Reaktionen der Erwerbslosen sind schwer einzuschaetzen. Auf der ersten  
Kundgebung in Erfurt sprach eine Vertreterin des Fluechtlingsrates zur  
Streichung der Sozialhilfe fuer Fluechtlinge. Waehrend ihre Vorredner, die  
sich zur allgemeinen Situation der Erwerbslosen aeusserten, stuermischen  
Applaus erhielten, flaute die Stimmung nach ihrem Redebeitrag und der  
Aufforderung zur Solidaritaet mit Fluechtlingen ab. Vereinzelt waren auch  
eher muerrische Toene zu vernehmen. Das spiegelt das  
Durchschnittsbewusstsein der Basis wieder.
Wenn die Erwerbsloseninitiativen und Gewerkschaften schlafen und sich  
nicht dafuer einsetzen, dass Solidaritaet nicht teilbar ist, dass es keine  
rassistische Option gibt, werden rechte Organisationen auf Dauer grossen  
Einfluss in der Erwerbslosenbewegung bekommen.
Dass dies aktuell noch nicht der Fall ist, liegt daran, dass die Nazis bei  
der Vermittlung ihrer Konzepte von Sozialstaatlichkeit -- uebrigens ein  
alter Hut, den schon die SA und auch der italienische Faschismus lanciert  
haben -- Probleme mit der Wahl ihrer Sprache haben, die oft abstossend auf  
Erwerbslose und Normalbuerger wirkt. Sollte sich das aendern, koennen sie  
problemlos an das rassistische Alltagsbewusstsein der Bevoelkerung  
anknuepfen.
?In einem antifaschistischen Aufruf aus Thueringen wird gefordert, nicht  
erst dann mit antirassistischen Inhalten aufzuwarten, wenn schon rechte  
Organisationen aufgetaucht sind. Welche Massnahmen koennen  
Erwerbsloseninitiativen im Vorfeld treffen?
Auch auf die Gefahr hin, dass der eine oder die andere Erwerbslose den  
Protesten fernbleibt, sollten von vornherein antirassistische Inhalte bei  
den Kundgebungen und in den Aufrufen verankert sein. Unabhaengig von den  
Strategien der Nazis ist es wichtig, die internationale Dimension der  
Solidaritaet zu betonen. Denn es ist eine Illusion zu glauben,  
wirtschaftliche Probleme koennten im Zeitalter der Globalisierung auf der  
Ebene des Nationalstaats geloest werden.
Dieser Artikel erschien in SoZ Nr.6/98. Die "SoZ -- Sozialistische  
Zeitung" erscheint 14-taegig im SoZ-Verlag und wird herausgegeben von der  
Vereinigung fuer Sozialistische Politik (VSP).
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Last Modified: April 15, 1998