• Arbeitslosenselbsthilfe O l d e n b u r g

    Kaiserstr. 19

    D-26122 Oldenburg (Oldenburg)

    e-mail: also@also-zentrum.de




  • ALSO-Homepage


    European Marches against Unemployment - News and Archives


    Antwort in : /CL/ARBEIT/ERWERBSLOS
    Absender   : aw@koma.free.de  (Adam Weishaupt)
    Betreff    : [JW] "Keine Folklore beim Europagipfel"
    Zus.fassung: In Bruessel trafen sich Arbeitslose und linke Gewerkschafter zur 2.
    Stichworte : Jungle World,Wochenzeitung,Politik
    Datum      : Do 07.05.98, 13:46  (erhalten: 09.05.98)
    Groesse    : 8626 Bytes
    ----------------------------------------------------------------------
    
    Jungle World 06.Mai.98
    "Keine Folklore beim Europagipfel"
    In Brüssel trafen sich Arbeitslose und linke Gewerkschafter zur 2.
    Konferenz gegen Erwerbslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse und
    Ausgrenzung. Ein Interview mit dem Sprecher von AC!, Michel Rousseau
    Am 18. und 19. April trafen sich in Brüssel Aktivisten aus
    Arbeitsloseninitiativen aller EU-Mitgliedstaaten, um eine Bilanz der
    Euromärsche nach Amsterdam und Luxemburg im vergangenen Jahr zu ziehen
    und die Mobilisierung für die EU-Gipfel im Juni 1998 in Cardiff und im
    Juni 1999 in Köln vorzubereiten. Nach zweitägigen Beratungen wurde
    eine gemeinsame Resolution mit der Forderung nach einer allgemeinen
    sozialen Grundsicherung, der 35-Stunden-Woche bei vollem
    Lohnausgleich, der Abschaffung aller losen Arbeitsverhältnisse und
    aller Zwangsdienste für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger als
    europaweiter Mindeststandard verabschiedet. Jungle World sprach mit
    Michel Rousseau, Sprecher der französischen Arbeitsloseninitiative AC!
    (Agir contre le ch(tm)mage) und Mitorganisator der Konferenz.
    Markiert die Brüsseler Konferenz, auf der vor allem interne
    Verständigung im Vordergrund stand, nach den breiten Mobilisierungen
    im vergangenen Jahr den Anfang der Routine für die
    Arbeitslosenbewegung? Wird mit dem Nachlassen der medialen
    Sensationslust der Arbeitslosenprotest in Zukunft ebenso wie die
    Bauernproteste zur Folklore der Eurogipfel gehören?
    Nein. Im vergangenen Jahr haben die Euromärsche Leute aus politisch
    und gewerkschaftlich völlig unterschiedlichen Richtungen
    zusammengebracht, die zwei Monate lang durch ganz Europa zum
    Amsterdamer Gipfel marschiert sind. Zur Vorbereitung dieser
    Demonstrationen haben wir auch letztes Jahr schon eine Konferenz in
    Brüssel veranstaltet, mit sehr viel mehr Leuten. Aber die fand in
    einem Kontext der Mobilisierung statt.
    Die letzte große Demonstration in Amsterdam hat dazu geführt, daß die
    Regierungen zur Kenntnis nehmen mußten, daß das Problem der
    Arbeitslosigkeit auf die europäische Tagesordung gehört, und eine
    Gipfelkonferenz in Strasbourg einberufen wurde. Sie sind zumindest
    gezwungen worden, sich zu bewegen. Deswegen bedeuten diese Konferenzen
    für uns nicht einen Rückzug im Verhältnis zur breiten Mobilisierung,
    sondern im Gegenteil die Vertiefung der Reflexion, um eine
    einheitliche Plattform der verschiedenen Länder zusammenzustellen.
    Das ist nicht immer einfach, wie etwa die Diskussion um eine soziale
    Grundsicherung zeigt: Wie kann man eine gemeinsame Regelung finden, um
    zu verhindern, von den einzelnen Regierungen gegeneinander ausgespielt
    zu werden? Das war das Ziel dieses Treffens.
    Wie wurden die Entwicklungen dieses Jahres diskutiert?
    In Frankreich hat die Arbeitslosenbewegung im Januar / Februar dieses
    Jahres einen wichtigen Schub erfahren, mit zahlreichen Besetzungen,
    mit Fortschritten in der Frage des Nulltarifs im Verkehr. Auch in
    Deutschland, in Belgien und in einzelnen Regionen Italiens und
    Spaniens, z.B. in Katalonien, haben sich wesentlich stärkere
    Bewegungen gebildet als noch im vergangenen Jahr.
    Die Konferenz sollte diese Ansätze in erster Linie zusammenbringen und
    die Arbeitslosenbewegung auf eine kollektive Grundlage stellen - über
    unsere Euromärsche hinaus. Deshalb wollten wir, daß die Veranstaltung
    mehr den Charakter eines Kolloquiums, einer offenen Universität als
    den eines großen Mobilisierungstreffens hat.
    Das schließt aber Mobilisierung nicht aus - im Gegenteil. Natürlich
    diktieren die Treffen der EU-Regierungschefs den Rhythmus - so werden
    wir etwa in Cardiff präsent sein -, aber es gibt auch autonome
    Initiativen wie die Strasbourger Brückenbesetzung am 8. Mai und
    wahrscheinlich im September eine breite Mobilisierung in Deutschland.
    Denn gerade weil die Bewegung wächst, bleiben die Euromärsche das
    Bindeglied zwischen Arbeitsloseninitiativen, gewerkschaftlichen und
    politischen Gruppen, die oft sehr unterschiedliche Meinungen und
    Ansätze vertreten.
    Wie entwickelt sich das Verhältnis der Arbeitslosen-Initiativen zu den
    Gewerkschaften?
    Bis vor kurzem haben die Gewerkschaften die Arbeitslosen zwar nicht
    direkt ignoriert, aber die Bedeutung des Problems Arbeitslosigkeit
    nicht erkannt: Die Arbeitslosigkeit wurde als temporäre Erscheinung
    angesehen und nicht als ein Problem, mit dem jemand unter Umständen
    sein ganzes Leben lang zu kämpfen hat. Dadurch ist eine
    Bevölkerungsgruppe entstanden, die sich völlig vom Gewerkschaftsmilieu
    abgetrennt hat und die, um sich Gehör zu verschaffen,
    Arbeitslosenvereinigungen gegründet hat. Diese sind zwar zunächst noch
    minoritär, stoßen aber auf ein immer größeres Echo.
    Zunächst in Frankreich, aber dann sehr schnell auch in den anderen
    Ländern wurden also die Gewerkschaften gezwungen, sich mit dem Problem
    der Arbeitslosigkeit zu befassen und sich darüber klarzuwerden, daß
    man diese Frage nicht ohne die Arbeitslosen selbst erörtern kann. Also
    hat man versucht, Zusammenhänge zu schaffen, damit Arbeitslose und
    Gewerkschafter gemeinsam gegen die Arbeitslosigkeit kämpfen können.
    Inzwischen haben die Arbeitslosenorganisationen in Frankreich
    untereinander wie auch mit den Gewerkschaften, vor allem mit der
    KP-nahen CGT, schon recht dauerhafte Strukturen entwickelt. Auf
    deutscher Seite sind die Arbeitslosenverbände heute mit dem DGB
    assoziiert, was noch 1997 zum Zeitpunkt der Euromärsche undenkbar
    schien.
    Warum gibt es auf der Konferenz kein Forum zum Thema Vormarsch rechter
    und faschistischer Kräfte in Europa?
    Dies ist keine politische Konferenz, auch wenn viele Teilnehmer
    politischen Organisationen angehören. Wir stellen daher auch keine
    direkt politischen Fragen, weil wir denken, daß es beim Kampf gegen
    die Arbeitslosigkeit nicht darauf ankommt, ob jemand Marxist, Christ
    oder Sozialdemokrat ist.
    Natürlich sind hier alle der Meinung, daß, wenn es nicht gelingt, eine
    umfassende europäische Lösung für das Problem der Arbeitslosigkeit und
    der losen Arbeitsverhältnisse zu finden, den reaktionären und
    faschistischen Tendenzen ein weites Feld eröffnet wird. Die anwesenden
    Arbeitslosen- und Gewerkschaftsverbände formulieren das Problem im
    Hinblick auf die Forderung nach Arbeit, nach sozialer Grundsicherung
    und gegen die prekären Arbeitsverhältnisse. Indem wir Regierungen und
    Gewerkschaften dazu bringen, positive Antworten auf diese Fragen zu
    geben, werden wir auch den rassistischen, faschistischen und
    reaktionären Ansätzen entgegentreten.
    Hätte man nicht trotzdem explizit gegen Rassismus und gegen die
    Ausschlachtung des Euro-Unmuts durch faschistische Kräfte Stellung
    beziehen müssen? Müssen sich die Arbeitsloseninitiativen nicht
    prononcierter von nationalistischer Politik absetzen?
    Ja, aber das haben wir schon getan. Letztes Jahr haben wir eine
    Erklärung verfaßt, in der sich die Euromärsche und die
    Arbeitsloseninitiativen klar gegen die neoliberale Politik in Europa
    positioniert haben. Man kann das zwar noch fünfzigmal wiederholen,
    aber es ist bereits gesagt, geschrieben und klargestellt worden. Und
    auf der anderen Seite zeigt die Tatsache, daß es sich hier um eine
    europäische Bewegung handelt, die sich ja sogar über die Grenzen
    Europas hinaus zu öffnen versucht, doch deutlich die
    internationalistische Basis.
    Kurzum, niemand auf dieser Konferenz hat irgendwelche
    nationalistischen Ansätze verteidigt, im Gegenteil, alle haben sich
    mehr oder weniger vehement zu den Konsequenzen der Maastrichter
    Verträge und der Konvergenzkriterien geäußert, zu den hauptsächlichen
    Gründen für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren
    zählen.
    Wie kann sich die Arbeitslosenbewegung der Vereinnahmung durch die
    EU-Kommission entziehen?
    Wir werden natürlich zu den Konsultationen im Juni erscheinen und
    unseren Widerstand äußern, aber Priorität hat der Aufbau einer
    öffentlichen Gegenmacht - mit öffentlichen Aktionen wie Besetzungen
    von Arbeitsämtern und einem Bündnis mit gewerkschaftlichen und
    sozialen Organisationen.
    Wenn man uns zu irgendwelchen Sozialgesprächen einladen will, zeigt
    das doch nur, wie beunruhigt die europäischen Regierungen vor allem in
    Frankreich und Deutschland angesichts der Perspektive eines
    koordinierten Widerstands der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten
    sind. 20 Millionen Arbeitslose und 50 Millionen Arme in Europa sind
    immerhin eine recht ansehnliche Basis für ein Bündnis der
    Sozialinitiativen gegen das Europa von Maastricht.
    
    Interview: Jens Andermann, Brüssel
    

    Contact:
    "Marches europeennes contre le chomage, la precarite et les exclusions"

    104, rue des Couronnes
    F-75020 Paris France
    Tel : +33 1 44 62 63 44
    Fax : +33 1 44 62 63 45
    E-mail : marches97@ras.eu.org
    URL: http://www.mygale.org/02/ras/marches/


    Contact: "AC!", France, Voice/Fax: +33-1-43495037, e-mail: aguiton@sud.unions.eu.org.


    Index of Euromarch Archives


    ALSO-Homepage


    Last Modified: July 1998