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    European Marches against Unemployment - News and Archives


    Antwort in : /CL/ARBEIT/DISKUSSION
    Absender   : aw@koma.free.de  (Adam Weishaupt)
    Betreff    : [JW] "Wir sind keine Bewegung gegen die Gewerkschaften"
    Zus.fassung: Interview mit Christiaan Boissevain, Sprecher der Arbeitsausschuess
    Stichworte : Jungle World,Wochenzeitung,Politik
    Datum      : Do 07.05.98, 13:46  (erhalten: 09.05.98)
    Groesse    : 4347 Bytes
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    Jungle World 06.Mai.98
    "Wir sind keine Bewegung
    gegen die Gewerkschaften"
    Interview mit Christiaan Boissevain, Sprecher der Arbeitsausschüsse
    Euromarsch und deutscher Vertreter im Tagungspräsidium
    Wie schätzen Sie die Konferenz ein? Ist eine inhaltliche und
    programmatische Vertiefung erreicht worden oder stagniert die
    Arbeitslosenbewegung nach dem furiosen Debüt im vergangenen Jahr?
    Mit der Verabschiedung der Resolution wird es wahrscheinlich eine
    inhaltliche Zuspitzung geben, eine Vereinheitlichung auch, was sehr
    wichtig ist, um weiterzukommen. Entscheidend ist, daß 1998 noch keine
    große Mobilisierung der Euromärsche stattgefunden hat, sondern daß die
    Direktiven für die große Mobilisierung im nächsten Jahr nach Köln zum
    EU-Gipfel festgeklopft werden konnten.
    Ein Großteil der Sympathien für die Euromärsche verdankt sich der
    Tatsache, daß diese als Basisbewegung jenseits der Gewerkschaften und
    ihrer bürokratisierten Form der Interessenvertretung wahrgenommen
    wurden. Inwieweit muß die Arbeitslosenbewegung künftig
    gewerkschaftliche Strukturen in Anspruch nehmen, und inwieweit ist es
    notwendig, Eigenständigkeit zu bewahren?
    Die Euromarsch-Bewegung, das muß man festhalten, ist keine Bewegung
    gegen die Gewerkschaften. Aber natürlich klagen wir bestimmte Defizite
    ein, die es in der bisherigen Gewerkschaftspolitik gegeben hat. Bei
    der Vorbereitung für die Euromarsch-Aktionstage haben wir mitbekommen,
    daß die Arbeitslosen einklagen: Die Gewerkschaften müssen mehr tun,
    aber wir wollen trotzdem weiterhin von den Gewerkschaften in unseren
    Forderungsmöglichkeiten unabhängig bleiben und nicht von ihnen
    eingekauft werden. Das hören wir ständig, und das halten wir für
    richtig. Und damit wird natürlich auf die Gewerkschaften auch Druck
    ausgeübt.
    Gewerkschaften und Arbeitsloseninitiativen treffen sich zur Zeit noch
    bei der Forderung nach der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.
    Stehen diese Gemeinsamkeiten auch noch, wenn es hart auf hart kommt?
    Wenn es heute hart auf hart kommen würde in der Frage nach
    Existenzforderungen - zum Beispiel 1 500 Mark plus Warmmiete -, denke
    ich, daß die Gewerkschaften das nicht mittragen würden. Das ist eine
    Forderung, die weitergeht als das, was die Gewerkschaften heute
    wollen. Und das ist auch eine Forderung, mit der man sich eventuell
    gegen eine neue Regierung stellen müßte.
    Falls es unter einer neuen Regierung wieder eine Neuauflage dieses
    Bündnisses für Arbeit geben sollte, habe ich große Befürchtungen, daß
    Kompromisse und Stillhalteabkommen geschlossen werden, anstatt
    Forderungen zu stellen. Das heißt, wir müssen dann Forderungen aus der
    Bewegung einbringen.
    Und das Problem ist eben, daß in einem möglichen Bündnis für Arbeit
    die Arbeitslosenbewegung nicht als selbständiger Faktor vertreten sein
    wird, sondern daß alles wieder über die Gewerkschaften läuft. Die
    unterstützen uns zwar, aber es gibt auch beim DGB Vorbehalte, daß dies
    nicht völlig unter deren Kontrolle läuft.
    Auf der Konferenz wurde die Ausschlachtung der sozialen Konsequenzen
    der EU-Strukturpolitik durch nationalistische und faschistische
    Gruppen nicht explizit thematisiert. Liebäugelt auch ein Teil der
    Arbeitslosenbewegung mit einer Stärkung des Nationalstaats als
    schützender Instanz?
    Meine Position ist, daß an diesem Punkt eine inhaltliche Profilierung
    nötig ist. Je schwammiger die Forderungen der Euromärsche formuliert
    sind, desto eher können rechte Kräfte versuchen, daran anzuschließen
    und sie auf ihre Art und Weise zuzuspitzen. Es muß auch einen Prozeß
    geben, in dem die Forderungsstrukturen immer klarer werden und immer
    klarer auch einen antikapitalistischen Charakter bekommen. Damit wird
    es für Faschisten schwieriger, daran anzuknüpfen.
    Und dann wird natürlich die Frage des Rassismus zunehmend ein
    wichtiger Faktor sein. Für uns als Euromarsch-Bewegung wäre es ein
    Riesenfortschritt, die Karawane für die Rechte von Immigranten und
    Flüchtlingen zu unterstützen, die es dieses Jahr geben wird und die
    von MigrantInnen und Flüchtlingen selbst organisiert sein wird. Wir
    haben im Arbeitsausschuß besprochen, daß wir diese Karawane
    unterstützen werden, wo es uns möglich ist.
    
    Interview: Jens Andermann, Brüssel
    

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    Last Modified: July 1998