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    European Marches against Unemployment - News and Archives


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    Betreff    : Patrice Spadoni: Lehren aus den Protesten in Frankreich
    Datum      : Mi 10.06.98, 15:40  (erhalten: 11.06.98)
    Groesse    : 11611 Bytes
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    Patrice Spadoni - AC!, Paris
    Einige Lehren aus der Arbeits-
    losenbewegung in Frankreich
    Uebersetzung: Paul Kleiser, Euromarsch-Ini Muenchen
    Nach den Veranstaltungen in Muenchen, Stuttgart und Karlsruhe haben mich  
    einige KollegInnen gefragt, ob ich ihnen nicht den Text meines Referates  
    ueber die Arbeitslosenbewegung zur Verfuegung stellen koennte. Leider  
    hatte ich nicht die Zeit, einen abgerundeten Text zu erstellen und so kann  
    ich Euch leider nur einen detaillierten Plan meines Referates schicken.  
    Dafuer moechte ich mich entschuldigen.
    
    
    
    1. Die Arbeitslosigkeit weitet sich in Frankreich aus und geht mit einer  
    Verschlechterung der Lage der Arbeitslosen einher.
    Zu den Faktoren, die zum Ausbruch der Bewegung vom Winter und Fruehjahr  
    1997/98 gefuehrt haben gehoeren:
    
    - Die Zunahme der Arbeitslosigkeit und des Elends: 3,2 Mio. offiziell  
    registrierte Arbeitslose (gut 12 Prozent der aktiven Bevoelkerung).  
    Parallel dazu weiteten sich die prekaeren Lebensbedingungen aus: 2,7 Mio.  
    Lohnabhaengige mit "kleinen Jobs" verdienen weniger als der Minimallohn  
    (SMIG, ca. 1.500.- DM). Wir schaetzen, dass insgesamt sieben Millionen  
    oder etwa ein Drittel der aktiven Bevoelkerung von Arbeitslosigkeit unter  
    prekaeren Lebensbedingungen betroffen sind.
    
    - Die Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeitslosen: Es gibt  
    eine starke Zunahme der Langzeitarbeitslosen. Und die Lohnersatzzahlungen  
    gehen zurueck: Nur noch die Haelfte der Arbeitslosen erhaelt Geld von der  
    UNEDIC (Behoerde, die die Gelder verwaltet). Die andere Haelfte bekommt  
    nur das "soziale Minimum" von 2.200.- Francs (660.- DM). Der SMIG liegt  
    bei 5.000 Francs. Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren bekommen  
    ueberhaupt nichts.
    
    2. Die Linke an der Macht - oder die schnell enttaeuschten Hoffnungen
    Die Linke hat, als sie im Sommer 1997 an die Regierung kam, grosse  
    Hoffnungen auf sich gezogen, vor allem bei Arbeitslosen.
    Doch die Regierung Jospin hat keine Massnahmen zu ihren Gunsten ergriffen.  
    Ein Beispiel: in seiner Antrittsrede vom Juli 1997 hat Jospin die Anhebung  
    des Minimallohnes um 4 Prozent angekuendigt, aber die Minima der  
    Arbeitslosen oder die anderen Minimalleistungen uebergangen.
    
    3. Die Vereinigungen, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben.
    Seit einigen Jahren hat die Arbeit der Arbeitslosenorganisationen und der  
    Bewegungen gegen die Arbeitslosigkeit, die zahlreiche Kampagnen und  
    Kaempfe gefuehrt haben, die Kaempfe dieses Winters vorbereitet.
    Die wichtigsten Bestandteile der Bewegung waren und sind:
    
    - Die MNCP (Nationale Bewegung der Arbeitslosen und Prekaeren), zu der  
    einige Dutzend lokale Verbaende gehoeren. Ihre FuehrerInnen kommen  
    haeufiger aus oekologischen und christlichen Zusammenhaengen.
    
    - Die APAIS (Vereinigung fuer Beschaeftigung, Information und  
    Solidaritaet) organisiert einige hundert Arbeitslose. Sie wurde mit  
    Unterstuetzung von Stadtverwaltungen geschaffen,in denen die PCF den  
    Buergermeister stellt.
    
    - AC! (Gemeinsam handeln gegen Arbeitslosigkeit) wurde 1994 anlaesslich  
    eines grosses Marsches gegen die Arbeitslosigkeit gegruendet. Es handelt  
    sich um ein Koordinationsnetz von etwa 150 lokalen Kollektiven. Seine  
    Besonderheit liegt darin, sowohl Arbeitslose (ueber die Haelfte der  
    aktiven Mitglieder) wie auch Lohnabhaengige zu organisieren. Die  
    FuehrerInnen kommen haeufig aus der gewerkschaftlichen Linken (SUD, der  
    "Gruppe der zehn", der Linksopposition in der CFDT). Die Mehrheit der  
    Mitglieder gehoert keiner Partei an, doch als Stroemungen ist alles von  
    den Linkskatholiken ueber die radikale Linke bis hin zu den Libertaeren  
    vertreten.
    Diese Vereinigungen kaempften seit Jahren vor Ort und haben dabei ein  
    ganzes Buendel von Forderungen entwickelt (z.B. kostenlose Fahrten auf  
    oeffentlichen Verkehrsmitteln fuer Arbeitslose), was haeufig zu  
    spektakulaeren Aktionen gefuehrt hat.
    Eine Art nicht formalisierter Einheitsfront verbindet sie regelmaessig mit  
    anderen Vereinigungen, die gegen gesellschaftliche Formen von  
    Ausschluessen kaempfen (Recht auf Wohnen, Komitee der Obdachlosen, Droit  
    devant!). Alle diese Vereinigungen unterscheiden sich von den rein  
    "humanitaeren" oder karitativen Organisationen. Denn es handelt sich um  
    Bewegungen, die gesellschaftliche Kaempfe zu ihrer Prioritaet machen.  
    Haeufig werden sie von Teilen der Gewerkschaftsbewegung unterstuetzt, etwa  
    der "Gewerkschaftslinken", von der ich oben bereits gesprochen habe. (Die  
    Landschaft der Gewerkschaften in Frankreich ist sehr zerklueftet ... was  
    aber nicht nur Nachteile hat.)
    
    4. Radikale Kaempfe, die teilweise bis zur Illegalitaet gingen, wenn es
    legitim erschien.
    Die Besonderheit der Kaempfe dieser Vereinigungen liegt darin, dass sie  
    haeufiger die Grenze der Legalitaet ueberschritten haben, sich dabei aber  
    immer sorgten, sich fuer Forderungeneinzusetzen, die in den Augen der  
    Oeffentlichkeit weithin als legitim erschienen (wobei Gewalt vermieden  
    wurde).
    Einige Kampfformen:
    
    - Die Aktionen fuer "kostenlosen Transport": Es wird die Forderung nach  
    kostenlosem Transport fuer Arbeitslose erhoben und dazu von den  
    Vereinigungen Aktionen durchgefuehrt: Eine Gruppe von Arbeitslosen,  
    zwischen einigen Dutzend und ueber hundert, stuermen ein Verkehrsmittel  
    (Metro, Zug oder Bus), ohne zu bezahlen, skandieren Mottos oder  
    Sprechgesaenge, lassen von Mitreisenden Petitionen unterzeichnen usw.
    
    - "Beitreiben von Jobs": Durch Abkommen oder Absprachen mit den  
    Gewerkschaftern eines Betriebes rueckt eine Gruppe von Arbeitslosen ins  
    Fabrikgebaeude ein und fordert die Einstellung, es kommt zu Treffen mit  
    den Beschaeftigten, man verlangt, von der Leitungempfangen zu werden usw.
    
    - "Besetzungen von leerstehendem Wohnraum": Zugunsten von Menschen ohne  
    oder mitschlechten Wohnungen besetzt man Wohnungen oder Haeuser, die von  
    den Spekulantenleergelassen wurden, und verlangt dann, dass man  
    entsprechend untergebracht wird.
    
    5. Von Dezember bis Maerz, der heisse Winter der Arbeitslosen
    Die Bewegung dieses Winters entstand aus dem Zusammenfliessen von zwei  
    Bewegungen, die zunaechst getrennt verliefen:
    Einerseits organisierten die oben genannten Vereinigungen vom 16. bis 21.  
    Dezember eine gemeinsame Aktionswoche ueber "soziale Not", wobei die  
    Forderung erhoben wurde, alle sozialen Minima um 1.500 FF (450.- DM)  
    anzuheben und sie auch jungen Leuten unter 25 Jahren zu gewaehren. Zu den  
    dezentral geplanten Organisationsformen gehoerten auch Besetzungen der  
    Assedics, der Kassen, die die entsprechenden Gelder auszahlen.
    Parallel dazu, und ohne direkte Verbindung beschlossen die Arbeitslosen  
    der CGT in Marseille (wo die CGT die bester Verankerung bei den  
    Arbeitslosen hat), eine Besetzung, um auf einlokales Problem aufmerksam zu  
    machen: Die Weihnachtspraemie fuer die Arbeitslosen, die diese  
    Organisation und den vorangegangenen Jahren hatte durchsetzen koennen, war  
    gestrichen worden. Das war ein lokales Problem mit nationalem Hintergrund,  
    denn diese Streichung war die Folge einer "Reform" der "Sozialfonds"  
    gewesen, die unter dem Schlagwort "Aktivierung der Ausgaben" die Hilfen  
    staerker auf die Unternehmer konzentrieren wollte, statt Unterstuetzungen  
    an Arbeitslose in Not zu zahlen. Diese Reform war von der Praesidentin der  
    UNEDIC durchgesetzt worden, und dies war niemand anderes als Nicole Notat,  
    die Generalsekretaerin des Gewerkschaftsverbandes CFDT.
    
    6. Die ersten Ergebnisse
    Die Vereinigungen konnten einen moralischen und politischen Sieg erringen,  
    denn die Regierung musste ihre VertreterInnen empfangen. Dies war das  
    erste Mal in der Geschichte des Landes, dass Vertretungen von Arbeitslosen  
    von einer Regierung empfangen wurden, dazunoch unter dem Druck von  
    Kaempfen. Denn eine der Forderungen der Vereinigungen war die offizielle  
    Anerkennung als Organisationen.
    Im uebrigen waren die Ergebnisse ziemlich bescheiden:
    
    - Es wurde ein Hilfsfond mit einer Milliarde Francs eingerichtet, der den  
    von Notat umgepolten "Fonds d'urgence" ersetzen sollte.
    
    - Die sozialen Minima werden um 8 Prozent angehoben, was ca. 500 000  
    Arbeitslosen zugutekommt.
    Das macht den Gaul nicht fett, und die Arbeitslosenbewegung wird  
    sicherlich in den kommenden Monaten neue Kaempfe auszufechten haben.
    
    7. Einige Lehren aus dieser Bewegung:
    Es wurde gezeigt, dass die Arbeitslosen aus ihrer Isolierung und  
    Unterordnung herauskommen, sich selbst organisieren und kollektiv kaempfen  
    koennen.
    Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit zeigt die offensichtliche  
    Ungerechtigkeit des Kapitalismus und Liberalismus, er ermoeglicht es, in  
    aller Oeffentlichkeit "subversive Fragen" zu stellen.
    Einige Wochen lang hat sich ein Grossteil der Bevoelkerung daran gemacht,  
    zu diskutieren, was in der Gesellschaft schief laeuft. Die Neuverteilung  
    des Reichtums und die Umgestaltungder Arbeitswelt sind zu Themen geworden,  
    die weit ueber die kleinen Gruppen von AktivistInnen hinaus zur Debatte  
    stehen.
    
    - Diese Kaempfe stellen auch grundlegende Fragen an die Gewerkschaftsbewegung.
    Sie zeigen in aller Deutlichkeit die Fehler einer Gewerkschaftsbewegung  
    auf, die sich nur an die Lohnabhaengigen klammert, die noch in gesicherten  
    Anstellungen sind. Sie gehen gegen die Ausrichtungen der Mehrheiten vor,  
    die sich weigern, Forderungen nach gesellschaftlicher Umgestaltung ins  
    Programm aufzunehmen, ohne die es keinen deutlichen Rueckgang der  
    Arbeitslosigkeit und der Ausgrenzungen geben wird.
    
    - Diese Kaempfe ermoeglichten es auch, eine Barriere gegen das Vordringen  
    der Rechtsradikalen zu errichten.
    Waehrend der Front National bei den Arbeitslosen sehr gute Wahlresultate  
    erzielte, ermoeglichten es die Kaempfe der verschiedenen Vereinigungen,  
    den Arbeitslosen eine positive Perspektive zu weisen; waehrend also die  
    Rechtsradikalen den Hass auf den Fremden als Feind und als Loesung fuer  
    das Elend verkuenden, bieten unsere Vereinigungen den Kapitalismus mit  
    seinen Ungerechtigkeiten als Zielscheibe des Hasses an.
    
    - Angesichts einer Regierung der linken Parteien darf die Haltung nicht im  
    Abwarten liegen, sondern im Kampf, der von einer sozialen Bewegung, die  
    unabhaengig hinsichtlich der Institutionen und der Parteien ist,  
    ausgefochten wird.
    Und ohne die Kaempfe der Arbeitslosenbewegung haetten die Zugestaendnisse  
    dieses Winters (so bescheiden sie sein moegen) das Tageslicht nicht  
    erblickt.
    Auch das Gesetz zur 35-Stundenwoche, das die Linke durchs Parlament  
    gebracht hat, enthaelt kritikable und sogar gefaehrliche Aspekte. Wenn  
    sich die Arbeitenden (und die Arbeitslosen) nicht mobilisieren, dann wird  
    dabei eine Zunahme die Flexibilisierung der Arbeit (vor allem durch einen  
    Uebergang auf die Jahresarbeitszeit) und eine Verminderung der Loehne  
    herauskommen.
    Auch in diesem Fall liegt der Schluessel fuer groessere Veraenderungen und  
    Entscheidungen, fuer die grossen gesellschaftlichen Fragen nicht in den  
    Aktionen der Parteien, auch nicht der linken Parteien, oder in den  
    staatlichen Institutionen, sondern in der Faehigkeit der sozialen  
    Bewegung, die eigenen Forderungen, das eigene "politische" oder  
    "gesellschaftspolitische" Projekt zu erarbeiten und sich dafuer zu  
    mobilisieren...
    Paris, 4.6.98  Patrice Spadoni
    

    Contact:
    "Marches europeennes contre le chomage, la precarite et les exclusions"

    104, rue des Couronnes
    F-75020 Paris France
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    Fax : +33 1 44 62 63 45
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    Last Modified: July 1998