Arbeitslosenselbsthilfe O l d e n b u r g

Kaiserstr. 19

D-26122 Oldenburg (Oldenburg)

e-mail: also@also-zentrum.de

 

 


 

CONTRASTE Nr. 162:
KEHRSEITE DES US-AMERIKANISCHEN-JOBWUNDERS
Sozialhilfe- "Reform" in den USA
Mit Juli 1997 trat in den USA der "Personal
Responsibility Act" in Kraft. Die neue
Sozialreformgesetzgebung soll die Abhängigkeit der
Armen von der Sozialhilfe verringern und den
übergang von der Sozialhilfe in die Beschäftigung
erleichtern. Tatsächlich beschleunigt diese die
Auflösung des sozialen Netzes und ersetzt es durch
disziplinierende und diskriminierende Massnahmen,
die die Armen der USA in den untersten Bereich des
amerikanischen Arbeitsmarktes drängen und jene,
die "immer noch Unterstützungsansprüche stellen,
streng bevormunden sollen".
*******************************************************
Die Kehrseite des US-amerikanischen Jobwunders ist ein
Wohlfahrtsstaat des residualen Typs in Reinform: Leistungen
erbringt er für Notleidende nur im Falle eines akuten
Versagens des Arbeitsmarktes und der Familie, so z.B. für
Mütter mit Kleinkindern, Behinderte und Invalide. Nach
dem amerikanischen Modell soll staatliche Wohltätigkeit
vor allem die Marktmechanismen stärken und "den sozialen
Randgruppen die harte Disziplin schlecht bezahlter
Lohnarbeit" aufzwingen.
Unter diesen Bedingungen wird es möglich, bei steigender
sozialer Ungleichheit und zunehmender wirtschaftlicher
Unsicherheit den Wirkungsbereich und das
Budget für Sozialleistungen kontinuierlich zu reduzieren. Vor
allem die Programme zur Armutsbekämpfung
gerieten seit der ersten Reagan-Administration 1980 immer
wieder ins Kreuzfeür der Kritik.
Obwohl z.B. die AFDC-Programme (Beihilfen für alleinstehende
Mütter) nicht einmal ein Prozent des Bundesbudgets ausmachte,
haben sämtliche Regierungen
seit Carter die Reduzierung dieser Mittel erfolgreich zu
einem zentralen politischen Thema gemacht.
***************************
Einsparen durch
bürokratische Hindernisse
***************************
Bei der Verwirklichung des Ziels, die Sozialausgaben zu
drosseln, findet eine weitere Einsparungstechnik Anwendung:
Bürokratische Hindernisse und komplizierte Bestimmungen
sollen AntragstellerInnen entmutigen und
somit vom Leistungsbezug fernhalten. Im Zeitraum von
1972 bis 1984 nahm die Summe der wegen Verfahrensfehlern
abgelehnten Bescheide "um beinahe eine Million
zu, zwei Drittel davon betrafen Familien mit rechtmässigem
Anspruch".
"Chumming" nennen die Spezialisten die "Praxis
der bürokratischen Schikane", das mittlerweile als Anteil
der ungerechtfertigt abgelehnten Anträge in den Statistiken
erfasst wird. 1973 wurden 81 Prozent der Kinder, die
unter der Armutsgrenze lebten, durch AFDC-Programme
unterstützt, 1988 erhielten 40 Prozent nicht mehr die
finanzielle Hilfe, die ihnen zustand.
In den 90er Jahren strichen einige hochindustrialisierte
Bundesstaaten, darunter Massachusetts, Pennsylvania, Michigan
und Illinios, das Programm der General
Assistance generell. Als Begründung wurde angegeben,
dass die SozialhilfeempfängerInnen "aus der
selbstverschuldeten Lethargie" gerissen und einem "heilsamen
Schock der Entbehrung" ausgesetzt werden müssten, um
der "pathologischen Abhängigkeit der Armen" von staatlichen
Leistungen ein Ende zu bereiten.
Während die Bundesmittel für Sozialwohnungen von
32 Milliarden 1978 auf 10 Milliarden 1988 vermindert
wurden, beliefen sich die Schätzungen der Obdachlosen
im selben Zeitraum auf zwischen 600.000 und 4 Millionen
Menschen. Im Jahre 1991 wiesen offizielle Statistiken jede
dritte amerikanische Familie als "housing
poor", d.h. nicht imstande für Grundbedürfnisse und
Wohnung aufzukommen, aus.
**********************
Disziplinarstaat
statt Wohlfahrtsstaat
**********************
Den fortschreitenden Abbau wohlfahrtstaatlicher Funktionen
begleitet ein Ausbau disziplinarischer Massnahmen, zumindest
in den unteren Rängen der Gesellschaft.
Wo das alte soziale Netz sich auflöst, betreibt der Staat
eine Politik, die "die Folgen des eigenen Versagens
kriminalisiert". Diese Vorgangsweise zeichnet sich durch zwei
Methoden aus.
Zum einen werden die verbliebenen sozialen Dienste
zu Instrumenten der überwachung und Kontrolle ihrer
Klientel eingesetzt. Der Bezug von Sozialhilfe wird an
Verhaltensnormen und schikanöse bürokratische Bedingungen
geknüpft. WohlfahrtsempfängerInnen müssen jede
ihnen angebotene Arbeit annehmen, unabhängig von
der Bezahlung und den Arbeitsbedingungen. Bei Ablehnung geht
auch der Anspruch auf Sozialhilfe verloren
(workfare). Der Bezug der Sozialhilfe für Familien kann
auch vom Schulbesuch der Kinder abhängen (learnfare). Die
zweite Methode der "repressiven Eindämmung
der Armen" liegt in ihrer Verwahrung in Gefängnissen.
1970 sassen 200.000 Menschen in Haftanstalten ein, 1990
waren es bereits 825.000. Das entspricht einem Anstieg
von 300 Prozent in zwanzig Jahren. In den amerikanischen
Gefängnissen sitzen deutlich mehr Schwarze als
Weisse. Die Gefangenenrate der Afro-Amerikaner hat sich
in den letzten 12 Jahren verdreifacht und belief sich 1993
auf 1.895 pro 100.000, d.h. sie liegt fast siebenmal höher
als in der weissen Bevölkerung (293 pro 100.000) und
zwanzigmal höher als im europäischen Durchschnitt.
Für diesen bemerkenswerten Anstieg der Zahl schwarzer
Inhaftierter kann der "Krieg gegen die Drogen" verantwortlich
gemacht werden, der in Wirklichkeit ein
"Kleinkrieg gegen die Dealer auf der Strasse" ist. Und das
vor dem Hintergrund eines allgemeinen Rückgangs des
Drogenkonsums in den USA seit den 70er Jahren. Der
Drogenhandel ist in den Ghettos oft die einzige zugängliche
Erwerbsqülle für schwarze Jugendliche.
So war es vorhersehbar, dass dieser "Krieg" der Regierung in
erster Linie in den armen Vierteln der Städte stattfinden
würde. Dort ist die Polizeipräsenz besonders dicht,
der illegale Drogenhandel leicht zu treffen und die soziale
Ohnmacht der BewohnerInnen lädt geradezu zu repressiven
Massnahmen ein.
Diese Vorgehensweise hat dazu geführt, dass mittlerweile 56
Prozent der Inhaftierten wegen eines Vergehens
gegen das Drogengesetz hinter Gittern sind. Diese
Masseneinsperrungen bleiben jedoch nicht ohne
finanzpolitische Auswirkungen: "Während die nationalen Mittel
für
Sozialhilfe abgebaut wurden, stiegen die Ausgaben der
Bundesregierung für die Kriminaljustiz zwischen 1972
und 1990 um das Fünffache an, von knapp 2 Milliarden
auf mehr als 10 Milliarden Dollar." Das Budget für das
Gefängniswesen wurde um das Elffache erhöht.
Die Implementierung des "Gesetzes zur Kontrolle der
Gewaltkriminalität" von 1994 geht von einem Anwachsen der
Häftlingszahl von 925.000 auf etwa 2,26 Millionen in den
nächsten zehn Jahren aus. 100 von insgesamt
351 Milliarden Dollar, die für die Verwahrung von
Gefängnisinsassen angewendet werden sollen, sind für die
Errichtung neür Gefängnisse vorgesehen.
Das Ziel der effizienten Nutzung der Mittel für den
Strafvollzug führt zu einer wachsenden Privatisierung
im Gefängniswesen. Die Zahl der privat geführten
Haftanstalten wuchs von 1985 bis 1995 von 1.345 auf 49.154
an.
Der strafende Staat setzt jedoch nicht auf die
Rehabilitierung seiner Gefangenen. Beschäftigungs- und
Ausbildungsprogramme in den Haftanstalten existieren
praktisch nicht.
*************************************
Reform der Sozialhilfe
- der "Personal Responsibility Act"
*************************************
Die Reform der Sozialhilfe, von Präsident Clinton im August
1996 unterzeichnet und ab Juli 1997 in vollem Ausmass in
Kraft, setzt die Politik der Kriminalisierung des
Elends fort. Ziel dieser Reformen ist es nicht, die Armut zu
verringern, sondern die "sogenannte Abhängigkeit der
von den Sozialprogrammen unterstützten Familien zu
reduzieren", indem den Menschen der "übergang von der
Fürsorge zur Arbeit" erleichtert werden soll.
In der Realität fehlt es jedoch sowohl an geeigneten
Instrumenten für die Schaffung von Arbeitsplätzen, als
auch an berufsbildenden Massnahmen und an für diesen
Zweck bereitgestellten Budgetmitteln. Ein Arbeitsmarkt,
der mit billigen Arbeitskräften bereits gesättigt ist,
verfügt
nicht über die nötigen Kapazitäten ungelernte und
stigmatisierte Personen aufzunehmen.
Das Gesetz von 1996 schafft das bestehende Recht auf
Unterstützung bedürftiger Familien ab, das seit 1935
gesetzlich verankert war. Es weicht einer Arbeitspflicht der
Eltern nach zwei Jahren Unterstützung. Zudem wird der
Leistungsanspruch auf maximal fünf Jahre im Leben begrenzt.
Die Verantwortung für die Sozialhilfe wird von der
bundesstaatlichen auf die Ebene der 50 Bundesstaaten
transferiert und von diesen wiederum auf tausend Counties
verteilt, die die Kriterien für die Anspruchsbedingungen
selbst bestimmen. Die Vergabekriterien rigoroser zu
gestalten, als es das Bundesgesetz vorsieht, ist daher nicht
ausgeschlossen.
Diese Kompetenzübertragung ist jedoch nicht mit einem
entsprechenden Mitteltransfer verbunden. Die Einzelstaaten
sollen vielmehr durch ein System von finanziellen Sanktionen
animiert werden, die Zahl der Sozialhilfeempfänger zu
reduzieren. Aus Angst vor "Wohlfahrtstourismus" ist zu
erwarten, dass sich die einzelnen Bundesstaaten in Sparsamkeit
gegenseitig überbieten werden.
Mit Inkrafttreten des "Personal Responsibility Act" im
Juli 1997 wird das Lohnniveau des unteren Segments des
Arbeitsmarktes weiter unter Druck geraten und die Zahl
der "working poor" weiter ansteigen. Dank der Begrenzung des
Leistungsanspruches werden drei Millionen bedürftige Kinder
im Jahr 2002 aufgrund der Begrenzung
des Leistungsanspruches auf fünf Jahre ihre Sozialhilfe
verlieren. Schon jetzt weisen die USA die höchste Kinderarmut
aller westlichen Länder auf.
Aus: Kontraste, Presse- und Informationsdienst für
Sozialpolitik, Nummer 106 (Sept. 1997; Wien. Qülle des
Textes: Wacquant, L.J.D. (1997), Vom wohltätigen Staat zum
strafenden Staat. über den politischen Umgang mit Armut und
Elend in den USA. in: Frankfurter Rundschau,
Samstag, 12. Juli 1997, Nr. 159. Die vollständige Version
des Aufsatzes ist in einem Spezialheft von Leviathan,
Zeitschrift für Sozialwissenschaft über "Armut und
Unterklasse" (Nr. 1/97) erschienen.

 


CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung
für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als
monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.
Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen
Lebensbereichen breitmacht, wird hier regelmässig aus dem
Land der gelebten Utopien berichtet: über Arbeiten ohne
ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
andere selbstorganisierte und selbstverwaltete
Zusammenhänge.
Desweiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt,
nützliche Infos über Seminare, Veranstaltungen und
Neürscheinungen auf dem Buchmarkt.
CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und
ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen
Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt
undogmatisch und unabhängig. Die RedakteurInnen sind selbst
in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten
ehrenamtlich und aus Engagement.
Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und
kostet im Abonnement 80 DM. Wer CONTRASTE erstmal
kennenlernen will, kann gegen Voreinsendung von 10 DM in
Briefmarken oder als Schein, ein dreimonatiges Schnupperabo
bestellen. Dieses läuft ohne gesonderte Kündigung
automatisch aus.
Zusätzlich gibt der CONTRASTE e.V. einmal im Jahr die BUNTEN
SEITEN heraus. In diesem nun schon im 14. Jahrgang
erscheinenden Adressenverzeichnis mit ca. 12.000 Anschriften
will CONTRASTE einen überblick über die viefältige
Projektelandschaft in der BRD,
Schweiz und österreich geben. Ergänzt wird das Verzeichnis
mit einem überblick über wichtige Projekte aus dem
nichtdeutschsprachigen Ausland und dem "Reader der
AlternativMedien". In diesem werden 830 deutschsprachige
Titel und ca. 200 internationale Titel vorgestellt. Diese
sind zum Teil mit Zusatzinformationen über
Erscheinungsweise, Verbreitung, Preise, Themenschwerpunkten
oder Selbstdarstellungen versehen worden.
Die BUNTEN SEITEN können für 30 DM zzgl. 4 DM Versandkosten
bei u.a. Anschrift bestellt werden.
CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20, D-69035 Heidelberg
Phone: +49-6221-162467, Fax: +49-6221-164489
EMail: CONTRASTE@link-n.cl.sub.de 

Index of Welfare-Workfare-State Archives


ALSO-Homepage


Last Modified: April 20, 1998